
Warum 0 Prozent Fehlzeiten ein Warnsignal für Führungskräfte ist
Ein Geschäftsführer, der stolz auf die makellose Anwesenheitsstatistik seiner Abteilung verweist, könnte sich täuschen. Was auf den ersten Blick nach vorbildlicher Arbeitsmoral aussieht, ist häufig ein Symptom für ein tieferliegendes Problem: Präsentismus. Mitarbeiter schleppen sich krank zur Arbeit – und schaden damit dem Unternehmen mehr, als wenn sie zu Hause geblieben wären.
Die aktuelle Debatte über den hohen Krankenstand in Deutschland – angestoßen von Bundeskanzler Merz und Allianz-CEO Oliver Bäte – übersieht einen entscheidenden Punkt: Nicht die absolute Zahl der Fehltage ist das Problem, sondern das Verhältnis zwischen Anwesenheit und tatsächlicher Leistungsfähigkeit.
Die Alfitian-Studie: Ein Paradigmenwechsel
Der Kölner Ökonom Jakob Alfitian vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern hat 36 Monate lang 1.387 Filialen einer großen deutschen Supermarktkette untersucht. Seine Studie „Absenteeism and Firm Performance: Evidence from Retail“ kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Der optimale Krankenstand liegt nicht bei 0 Prozent, sondern bei etwa 4 bis 5 Prozent der geplanten Arbeitszeit.
Die Daten zeigen eine umgekehrte U-Kurve: Die höchsten Umsätze erzielten Filialen mit einem Krankenstand im Bereich von 4 bis 5 Prozent. Sowohl niedrigere als auch höhere Werte führten zu Umsatzrückgängen. Besonders bemerkenswert: Ein Krankenstand von 0 Prozent erwies sich für den Verkaufserfolg als ebenso ungünstig wie ein Wert von 14 Prozent.
Ähnliche Zusammenhänge fanden sich bei anderen Leistungsindikatoren: Net Promoter Score, Google-Rezensionen und interne Qualitätsbewertungen – alle zeigten den gleichen Verlauf.
Präsentismus: Das unterschätzte Risiko
Die Erklärung liegt auf der Hand: Wer trotz Krankheit zur Arbeit erscheint, ist zwar physisch anwesend, kann aber nicht die volle Leistung bringen. Symptome wie Husten, Rückenschmerzen oder psychische Beschwerden beeinträchtigen Konzentration und Produktivität. Im schlimmsten Fall werden Kollegen angesteckt, die dann ebenfalls als Leistungsträger ausfallen.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut einer Studie der Strategieberatung Booz & Company sind die durch Präsentismus entstehenden Kosten doppelt so hoch wie die Kosten durch krankheitsbedingte Abwesenheiten. Eine dänische Untersuchung belegt zudem: Wer seine Krankheit nicht auskuriert, fehlt später oft länger. Beschäftigte, die mehr als sechsmal jährlich krank zur Arbeit gingen, hatten ein um 74 Prozent erhöhtes Risiko, im Anschluss länger als zwei Monate auszufallen.
Nach einer Studie der PR-Beratung Königsteiner Gruppe erscheinen fast 90 Prozent der deutschen Beschäftigten gelegentlich krank zur Arbeit, 33 Prozent sogar häufig. Meist aus gutem Willen: Sie fühlen sich ihrem Team und ihren Aufgaben verpflichtet.
Arbeitsrechtliche Dimension: Die Fürsorgepflicht
Für Führungskräfte hat diese Erkenntnis unmittelbare arbeitsrechtliche Relevanz. Die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers nach § 618 BGB in Verbindung mit § 241 Abs. 2 BGB verpflichtet Unternehmen, die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu schützen. Eine Unternehmenskultur, die Präsentismus fördert oder stillschweigend erwartet, kann diese Pflicht verletzen.
Konkret bedeutet das: Wenn Vorgesetzte systematisch Druck auf krankgemeldete Mitarbeiter ausüben oder eine Atmosphäre schaffen, in der Krankmeldungen als Schwäche gelten, riskieren sie nicht nur wirtschaftliche Nachteile, sondern auch rechtliche Konsequenzen. Das gilt insbesondere, wenn sich Mitarbeiter im Betrieb anstecken, weil infektiös Erkrankte zur Arbeit erscheinen.
Auch das Maßregelungsverbot nach § 612a BGB ist zu beachten: Benachteiligungen von Mitarbeitern, die ihre berechtigten Ansprüche auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall wahrnehmen, sind unzulässig.
Warnsignale für Führungskräfte
Ein auffällig niedriger Krankenstand sollte Personalverantwortliche aufhorchen lassen. Folgende Indikatoren können auf problematischen Präsentismus hindeuten:
Dauerhaft niedrige Fehlzeiten unter 2-3 Prozent – insbesondere in Abteilungen mit hohem Arbeitsdruck oder während belastender Projektphasen.
Sichtbar erkrankte Mitarbeiter im Büro – wer hustend und niesend am Schreibtisch sitzt, sollte nicht für seine Arbeitsmoral gelobt werden.
Häufige Langzeiterkrankungen nach Perioden ohne Fehlzeiten – verschleppte Infekte führen oft zu ernsteren Folgeerkrankungen.
Negative Kommentare über Kollegen, die sich krankmelden – ein Zeichen für eine toxische Anwesenheitskultur.
Leistungsabfall trotz hoher Präsenz – wenn Qualität und Produktivität sinken, obwohl alle anwesend sind.
Was Führungskräfte tun sollten
Die Alfitian-Studie zeigt: Ein Krankenstand von 4 bis 5 Prozent ist kein Zeichen mangelnder Arbeitsmoral, sondern Ausdruck einer gesunden Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter ihre Erkrankungen auskurieren können. Für Führungskräfte ergeben sich daraus klare Handlungsempfehlungen:
- Krankenstand differenziert betrachten: Nicht die absolute Zahl der Fehltage ist entscheidend, sondern ob der Wert im gesunden Bereich liegt. Auffällig niedrige Werte verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie auffällig hohe.
- Führungsverhalten reflektieren: Welche Signale senden Sie an Ihr Team? Loben Sie Mitarbeiter, die trotz Erkältung erscheinen? Kommentieren Sie Krankmeldungen negativ? Beides fördert Präsentismus.
- Hybridarbeit ermöglichen: Studien zeigen, dass Mitarbeiter im Hybridmodell seltener krank sind. 36 Prozent der Befragten einer Studie der International Work Group nahmen im Hybridmodell weniger Krankheitstage in Anspruch.
- Infektionsschutz im Betrieb stärken: Atemwegserkrankungen sind der Haupttreiber des Krankenstands. Luftfilter, Hygienekonzepte und ein klares Betretungsverbot für infektiös Erkrankte können die Ansteckungsketten unterbrechen.
- Präventionsangebote nutzen: Betriebliches Gesundheitsmanagement senkt laut einer US-Metastudie die Fehlzeiten um durchschnittlich 25 Prozent. Der Return on Investment liegt bei 2,70 Euro für jeden investierten Euro.
Fazit
Die verbreitete Annahme „je weniger Krankentage, desto besser“ ist wissenschaftlich nicht haltbar. Führungskräfte, die eine makellose Anwesenheitsstatistik als Erfolg feiern, übersehen möglicherweise ein ernstes Problem: Mitarbeiter, die sich krank zur Arbeit schleppen, schaden dem Unternehmen – wirtschaftlich und kulturell.
Ein Krankenstand im Bereich von 4 bis 5 Prozent ist kein Zeichen für mangelnde Disziplin, sondern für eine Unternehmenskultur, die Erholung ermöglicht und langfristige Leistungsfähigkeit sichert. Für Personalverantwortliche bedeutet das: Nicht der niedrigste Krankenstand ist das Ziel, sondern der gesündeste.
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