
Der AfD-nahe Verein Zentrum (ehemals „Zentrum Automobil“) hat bei den Betriebsratswahlen im März 2026 erstmals Wahlvorschläge an westdeutschen VW-Standorten eingereicht – darunter im Werk Braunschweig unter eigenem Namen. Dies markiert eine strategische Zäsur: Die 2009 bei Mercedes-Benz Stuttgart-Untertürkheim gegründete Organisation, deren Führungspersonal tiefe Wurzeln in der Neonazi-Szene hat, expandiert damit über ihre bisherigen Hochburgen in Süd- und Ostdeutschland hinaus in das Herz der niedersächsischen IG-Metall-Bastion. Die VW-Krise mit 35.000 geplanten Stellenstreichungen bis 2030, einem 44-prozentigen Gewinneinbruch 2025 und der gescheiterten E-Mobilitätsstrategie hat einen Nährboden für populistische Akteure geschaffen, den Zentrum gezielt nutzt. Obwohl die IG Metall bei VW weiterhin über 90 Prozent aller Mandate dominiert, warnen Experten vor einem schleichenden Erosionsprozess – zumal 38 Prozent der Arbeiter bei der Bundestagswahl 2025 AfD gewählt haben.
Von der Neonazi-Band in den Betriebsrat: Zentrum und seine Gründungsgeschichte
Zentrum wurde am 23. November 2009 als eingetragener Verein in Stuttgart registriert, gegründet von Oliver Hilburger, einem Maschinenschlosser im Daimler-Werk Untertürkheim. Hilburger war zuvor Mitglied der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM), wurde dort jedoch wegen seiner Kontakte zur Neonazi-Szene ausgeschlossen. Der Hintergrund: Hilburger spielte von 1987 bis 2008 Bass und Gitarre in der Rechtsrock-Band „Noie Werte“, einer der einflussreichsten Neonazi-Bands Deutschlands mit über 15.000 verkauften Exemplaren pro Album. Die Band verkehrte im Umfeld des internationalen Blood-&-Honour-Netzwerks – Hilburger trat 1993 bei einem Konzert gemeinsam mit Blood-&-Honour-Gründer Ian Stuart Donaldson auf.
Die Verbindungen reichen bis in den Dunstkreis des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Titel von Noie-Werte-Alben dienten als Soundtrack für das erste NSU-Bekennervideo von 2001, das den Mord an Enver Şimşek verherrlichte. Andreas Graupner, mutmaßlicher NSU-Unterstützer und späterer Noie-Werte-Gitarrist, lebte ab 2001 rund zwei Jahre bei Hilburger. Im November 2017 sagte Hilburger vor dem NSU-Untersuchungsausschuss Baden-Württemberg aus, wies alle Verbindungen zur Terrorzelle jedoch als „Unverschämtheit“ zurück.
Auch der weitere Vereinsvorstand weist einschlägige Verbindungen auf: Thomas Scharfy, Vorstandsmitglied und Webmaster, betrieb in den 1990ern ein Mailbox-System im Thule-Netz, einem Kommunikationsnetzwerk für Neonazis. Hans Jaus, Listenplatz 3 bei der Betriebsratswahl 2018 in Untertürkheim, war Bundesschatzmeister der verbotenen Wiking-Jugend. Vorstandsmitglied Frank Neufert kandidierte 2022 als Bürgermeisterkandidat für die rechtsextreme Partei „Freie Sachsen“. Selbst die AfD dokumentierte in einem internen Dossier: „Nahezu der komplette Vorstand besteht aus Personen, die sich in der Vergangenheit rechtsextremistisch oder neonazistisch betätigt haben sollen.“
Strategische Expansion: Von Stuttgart-Untertürkheim bis VW Braunschweig
Zentrum hat sich seit seiner Gründung systematisch in der Automobilindustrie ausgebreitet. Bei Mercedes-Benz Untertürkheim, der Keimzelle des Vereins, wuchs die Mandatszahl stetig: von 2 Sitzen 2010 über 4 (2014), 6 (2018) und 7 (2022) auf nunmehr 9 von 43 Sitzen bei der Wahl im März 2026 – rund 21 Prozent der Stimmen, ein historischer Höchststand. In Sindelfingen gewann Zentrum 3 Sitze (6,1 Prozent, nach 3,9 Prozent 2022), wobei einer der Gewählten – Kay Rittweg – zugleich als AfD-Kandidat in den baden-württembergischen Landtag einzog. Weitere Sitze hält der Verein bei BMW Leipzig, Porsche Leipzig, Stihl und Opel Rüsselsheim.
Bei Volkswagen operiert Zentrum teils unter Tarnlisten. Im VW-Werk Zwickau tritt es als „Bündnis freier Betriebsräte“ (BfB) an und verdoppelte bei der Nachwahl im Januar 2025 seine Mandate von 2 auf 4 von 37 Sitzen (11,45 Prozent). Unter den Gewählten befinden sich die AfD-Kommunalpolitiker Lars Bochmann (AfD-Fraktionschef Aue-Bad Schlema) und Jörg Reichenbach (AfD-Stadtrat Zwickau). Im VW-Motorenwerk Chemnitz hielt die BfB bei der Wahl Anfang März 2026 ihre 4 von 17 Mandate (~23 Prozent) – wobei IG-Metall-Vertreter Eddie Kruppa kritisierte, nicht allen Wählern sei die Verbindung zum Zentrum bewusst gewesen.
Für die VW-Betriebsratswahlen 2026 reichte Zentrum an insgesamt fünf Standorten Wahlvorschläge ein – erstmals auch in Braunschweig unter eigenem Namen sowie erstmals bei Audi Ingolstadt. Im VW-Stammwerk Wolfsburg tritt Zentrum hingegen nicht an. Im Braunschweiger Komponentenwerk mit rund 7.100 Beschäftigten kandidierte Zentrum mit zwei Personen. Die Wahl fand vom 9. bis 13. März 2026 statt; die Ergebnisse werden unmittelbar erwartet. Zum Vergleich: 2022 gewann die IG Metall in Braunschweig 93,3 Prozent (33 von 35 Sitzen), die CGM erhielt 6,7 Prozent; eine Zentrum-Liste existierte damals nicht.
Die VW-Krise als Brandbeschleuniger für rechte Betriebsratspolitik
Die Expansion des Zentrums fällt in die schwerste Krise des Volkswagen-Konzerns seit dem Dieselskandal. Im September 2024 kündigte CEO Oliver Blume erstmals in der 87-jährigen Unternehmensgeschichte mögliche Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen an und beendete die seit 1994 bestehende Beschäftigungssicherung. VW forderte zehn Prozent Lohnkürzung und die Schließung von mindestens drei Werken. Der Konzerngewinn brach 2025 um 44 Prozent auf 6,9 Milliarden Euro ein; die Auslastung im Stammwerk Wolfsburg lag bei nur rund 60 Prozent.
Nach den längsten Tarifverhandlungen der VW-Geschichte – über 70 Stunden im Dezember 2024 – einigten sich IG Metall und Management auf ein Paket, das als „Weihnachtswunder“ kommuniziert wurde: keine sofortigen Werksschließungen, aber 35.000 Stellenstreichungen bis 2030 über Altersteilzeit und Abfindungen, Lohneinfrierungen bis mindestens Ende 2026, das Ende der Fahrzeugproduktion in Dresden (2025) und Osnabrück (2027) sowie die Verlagerung der Golf-Produktion nach Mexiko. Für das Werk Braunschweig wurden Zusagen für SSP-Plattform-Komponenten, Steer-by-Wire-Lenkungen und Batteriesystem-Montage gemacht – die Zukunft des Standorts hängt damit vollständig am Erfolg der Elektromobilitätsstrategie.
Im Dezember 2024 streikten bis zu 98.650 VW-Beschäftigte an neun Standorten in Warnstreiks. In Wolfsburg demonstrierten 38.000 Arbeiter, CEO Blume wurde ausgebuht. Die emotionale Intensität war enorm: Betriebsratschefin Daniela Cavallo warf dem Management „hasenfüßiges“ Verhalten vor; Arbeiter berichteten, das Werk Braunschweig werde „absichtlich gegen die Wand gefahren“. Der Kontrast zwischen Stellenabbau und 3,2 Milliarden Euro Dividendenausschüttung – davon über eine Milliarde an die Familie Porsche-Piëch – verstärkte die Wut zusätzlich.
Genau diese Mischung aus Existenzangst, Vertrauensverlust und Ungleichheitserfahrung schafft den Nährboden, den rechte Betriebsratslisten systematisch ausnutzen. Zentrums Kernerzählung lautet: Die IG Metall sei als „Co-Managerin“ Teil des Problems, die „Monopolgewerkschaften“ hätten die Beschäftigten an die „Globalisierungsausbeuter“ verraten. Der Verein lehnt die Elektromobilitätswende als „sinnlose Transformation“ ab und positioniert sich als Verteidiger des Verbrennungsmotors – eine Botschaft, die bei verunsicherten Industriearbeitern verfängt.
AfD-Nexus und Verfassungsschutz: Ein Netzwerk der Neuen Rechten
Die Verflechtung zwischen Zentrum und AfD hat sich seit 2022 dramatisch intensiviert. Ursprünglich stand Zentrum auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD – ein Dossier des AfD-Landesvorstands Baden-Württemberg dokumentierte die neonazistischen Hintergründe der Vereinsführung. Doch auf dem Bundesparteitag im Juni 2022 in Riesa setzte sich Björn Höcke persönlich für die Streichung ein: „Wir brauchen das Vorfeld. Ich sage ja zum Zentrum Automobil. Ohne dieses Vorfeld sind wir nichts und werden nicht durchbrechen.“ 60,17 Prozent der Delegierten folgten ihm.
Selbst Alice Weidel, die Zentrum 2022 noch als „hochgradig toxisch“ bezeichnet hatte, erschien im Februar 2026gemeinsam mit Hilburger am Mercedes-Tor 7 in Untertürkheim zum Flugblattverteilen vor der Betriebsratswahl. Personelle Überschneidungen durchziehen beide Organisationen: Zentrum-Vertreter auf BfB-Listen bei VW Zwickau sind gleichzeitig AfD-Kommunalpolitiker; in Sindelfingen sitzt ein frisch gewählter AfD-Landtagsabgeordneter auf dem Zentrum-Betriebsratssitz; das neue Regionalbüro „Zentrum Nord“ in Hannover wird von Jens Kellner geleitet, AfD-Stadtrat und ehemaliges Verdi-Mitglied.
Zentrum kooperiert zudem eng mit dem gesichert rechtsextremistischen Verein „Ein Prozent“, dem mittlerweile verbotenen Compact-Magazin und den unter Verfassungsschutzbeobachtung stehenden „Freien Sachsen“. Der Thüringer Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer warnte bereits 2019: „Die Neue Rechte versucht ganz gezielt, nicht nur den politischen, sondern auch den sozialen Raum zu erobern.“ Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft Zentrum laut Automobilwoche als rechtsextrem ein, während das Landesamt Baden-Württemberg den Verein formal nicht als Beobachtungsobjekt führt, aber auf dessen Zusammenarbeit mit vom BfV als rechtsextremistisch eingestuften Organisationen hinweist.
Rechtliche Hürden fehlen, politische Mobilisierung bleibt entscheidend
Arbeitsrechtlich existiert keine Möglichkeit, rechtsextreme Listen von Betriebsratswahlen auszuschließen. Jede Kandidatenliste, die Unterstützungsunterschriften von mindestens fünf Prozent der Wahlberechtigten (maximal 50 Unterschriften erforderlich) sammelt, kann antreten – unabhängig von der politischen Gesinnung der Kandidaten. Es gibt keine Fünf-Prozent-Hürde; die Mandatsverteilung erfolgt proportional. Zentrum selbst ist keine anerkannte Gewerkschaft – Gerichte haben wiederholt festgestellt, dass der Verein nicht tariffähig ist und somit keine Tarifverträge verhandeln kann. Das Arbeitsgericht Braunschweig verweigerte Zentrum im August 2025 den Zugang zu einem VW-Tochterunternehmen in Isenbüttel mit der Begründung, der Verein habe nicht ausreichend nachgewiesen, dort überhaupt Mitglieder zu haben.
Die Gewerkschaften reagieren mit einer Mischung aus demonstrativer Gelassenheit und interner Nervosität. DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi betonte im Januar 2026, es gebe „überhaupt keinen Grund, dieses Thema künstlich aufzublasen“ – schließlich existierten „derzeit maximal zwei Dutzend Betriebsräte von rechten Listen“ unter 180.000 Mandaten. IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger attestierte Zentrum „kaum Relevanz“ in den VW-Betriebsräten. Die IG Metall verfolgt eine „Klare-Kante“-Strategie: entschiedene Opposition gegen rechtsextreme Positionen bei gleichzeitiger ernsthafter Auseinandersetzung mit berechtigten Sorgen der Beschäftigten. Verdi setzt auf Selbstauskunftserklärungen, um AfD-Funktionäre als „U-Boote“ auf eigenen Listen zu identifizieren.
Forschungsergebnisse der Hans-Böckler-Stiftung und der Leipziger Autoritarismus-Studie zeigen konsistent: Rechtsextreme Einstellungen nehmen dort ab, wo funktionierende Mitbestimmung existiert und Beschäftigte echte Partizipationsmöglichkeiten haben. Genau diese Erkenntnis bildet die Grundlage der gewerkschaftlichen Gegenstrategie – doch sie setzt voraus, dass die IG Metall in Krisenzeiten greifbare Ergebnisse für die Belegschaften liefern kann.
Fazit: Numerisch marginal, strategisch gefährlich
Zentrums bundesweite Mandatszahl – geschätzt 20 bis 50 Sitze unter rund 180.000 – bleibt verschwindend gering. Die IG Metall dominiert bei VW weiterhin mit über 90 Prozent der Mandate. Doch die strategische Bedeutung der Expansion übersteigt die reinen Zahlen bei weitem. Der Verein hat es geschafft, aus einer Neonazi-Vorgeschichte heraus eine organisatorische Präsenz in den symbolisch wichtigsten Industriebetrieben Deutschlands aufzubauen und operiert nun als anerkanntes „Vorfeld“ der AfD.
Die eigentliche Gefahr liegt, wie Soziologe Klaus Dörre (Universität Jena) warnt, weniger im Zentrum selbst als in der verdeckten Infiltration: AfD-Sympathisanten und Zentrum-Nahestehende, die unter unauffälligen Listennamen kandidieren, ohne dass Wähler die Verbindung erkennen – wie der Fall Chemnitz zeigt. Dass bei VW Braunschweig erstmals eine offen als Zentrum erkennbare Liste an einem westdeutschen VW-Standort antritt, ist ein Testballon. Ob daraus ein oder zwei Mandate resultieren, wird sich in den kommenden Stunden zeigen. Entscheidend ist das Signal: Die extreme Rechte hat den strategischen Entschluss gefasst, die Mitbestimmung als nächstes Terrain zu erobern – und die größte Krise der deutschen Automobilindustrie liefert ihr dafür den Rückenwind.
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