Skandal-Kündigungen bei den Goodgame Studios in Hamburg

2009 gründeten die beiden Brüder Kai und Christian Wawrzinek die Goodgame Studios. 2015 ist es bereits das größte Spieleunternehmen Deutschlands und gleichzeitig ein Aushängeschild der deutschen Digitalwirtschaft. Diesen Erfolg haben die Brüder Spielen wie „Goodgame Empire“ zu verdanken, welches mehr als 70 Millionen Menschen weltweit spielen. Das hamburger Unternehmen fährt fünf Jahre nach seiner Gründung bereits Gewinne in Höhe von 35 Millionen ein.

Die Brüder Wawrzinek wurden mit Preisen regelrecht überhäuft und von Politikern umschwärmt – doch der Erfolg scheint eine gravierende und gar hässliche Kehrseite zu haben. Glaubt man zahlreichen aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern der Goodgame Studios, ähnelt die Führungskultur eher der in den mittelalterlichen Königreichen, die Goodgame für seine Spiele entwickeln ließ. Mitarbeiter werden schlecht bezahlt, mögliche Kritiker und Querulanten rabiat entfernt und die Gründung eines Betriebsrates behindert.IMG_9681

Aufgeschreckt wurde ich, als sich Goodgame am 25. November von 28 Mitarbeitern trennte. Von einem Tag auf den anderen wurden Marketing-Mitarbeiter, Spieletester und Entwickler vor die Tür gesetzt – ohne eine Angabe von Gründen. Die meisten von ihnen hatten sich für eine Betriebsratsgründung eingesetzt. Im Mai hatten sie sich zum ersten Mal bei der Gewerkschaft Ver.di darüber informiert. Inzwischen hat Ver.di die Vertretung der Gekündigten übernommen und wirft Goodgame die Behinderung einer Betriebsratswahl vor. Wenn sich der Vorwurf bestätigt, droht den Verantwortlichen eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.

Die Vorgehensweise der Massenentlassung ist irrwitzig. Manchen hätten morgens an ihrem gesperrten Computer-Passwort gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Sie wurden dann in einen Konferenzraum gerufen, wo ein kurzes Entlassungsgespräch geführt wurde. Kündigungsgründe wurden dabei nicht genannt. Unter Aufsicht musste dann der Schreibtisch leer geräumt werden. Einige direkte Vorgesetzte haben noch versucht sich zu entschuldigen und gestanden, dass die Entscheidung von ganz oben komme.

Absurd wird es, weil die Firma angibt, die Entlassungen seien wegen Leistungsmängeln und wegen schlechten Verhaltens erfolgt ….

Die ehemaligen Mitarbeiter beklagen jetzt, dass das Management der Goodgame Studios für konstruktive Vorschläge stets taub war. So suchten im Sommer drei Mitarbeiter das Gespräch und trugen die Kritik vor, wegen derer ein Betriebsrat auch dringend nötig scheint: schlechte Bezahlung, wenig Urlaub, die unnötige Bürokratie seit der Aufteilung des Unternehmens in autonome Entwicklerstudios Anfang des Jahres.

Tatsächlich verdienen die meist unter 30 jährigen Mitarbeiter trotz eines Hochschulabschlusses gerade um die 2000 € brutto. Der Anfang 2014 eingeführte Mindestlohn brachte für Viele deutlich mehr Geld. Doch darüber darf nicht geredet werden. Mit einer Verschwiegenheitsklausel im Arbeitsvertrag wird es Angestellten verboten, selbst mit Kollegen über den Verdienst zu sprechen. Arbeitsrechtlich ist eine solche Klausel fast immer unwirksam – aber sie erzeugt Druck. Der Urlaubsanspruch lag einst bei 24 Tagen – seit Kurzem ist es ein Tag mehr.

Keine Woche nach dem Gespräch wurden übrigens zwei der Mitarbeiter versetzt – auf eigenen Wunsch, so sagt es Goodgame.

Es wurde die Gründung des Betriebsrates weiter auf dem internen Büro-Messenger beraten. Daraufhin kam es zu der Massenentlassung von rund zwei Prozent der ca. 1200 Mitarbeiter – fast alle von ihnen waren an dieser Beratung beteiligt.

IMG_9684Die Goodgame Studios erklären nun, man habe von den Diskussionen über eine Betriebsratsgründung erst nach dem 25. November erfahren. Die Kündigungen seien aus betrieblichen Gründen erfolgt. Die Mitarbeiter seien „unter Berücksichtigung von Leistungs- und Verhaltensdefiziten“ ausgewählt worden. Man stehe dem Wunsch der Beschäftigten nach einem Betriebsrat „selbstverständlich nicht im Wege“.

Die Gekündigten sind fassungslos. Die Gründe scheinen vorgeschoben und drohen den Ruf der Betroffenen zu ruinieren. Offensichtlicher scheint es doch, dass Goodgame ohne Rücksicht auf Verlust seine Mitarbeiter entlässt. So war laut Ver.di einer den Entlassenen schwerbehindert. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass Unternehmen vor Ausspruch einer Kündigung alle Möglichkeiten in Betracht ziehen müssen, um den schwerbehinderten Angestellten weiter zu beschäftigten. Goodgame jedoch hat nun Stellen aus genau dem Bereich ausgeschrieben – Beschäftigungsbedarf ist also offensichtlich vorhanden.

Die Mehrheit der Gekündigten klagt jetzt gegen die Kündigung und möchte an den alten Arbeitsplatz zurück – hauptsächlich aus Spaß am Beruf und dem kollegialen Zusammenhalt.

Inzwischen traten die Gründer Kai und Christian Wawrzinek vor die Belegschaft. Sie werfen Ver.di vor, die Firma auseinandernehmen zu wollen. Die Gründung eines Betriebsrates würde Goodgame auf diese Weise aufgezwungen werden. Die Botschaft scheint dabei ganz klar: Entweder man steht hinter Goodgame oder muss ebenfalls um seinen Job fürchten.

Ver.di hingegen hat zu einer Betriebsversammlung eingeladen, bei der die Wahl eines Betriebsrates vorbereitet werden könnte. Goodgame leitete diese Einladung aber nicht an die Angestellten weiter, da sie nicht auf Englisch geschrieben wurde. Ver.di sieht hierin eine klare Verzögerungstaktik. Die Versammlung wird nun voraussichtlich erst im Januar abgehalten. Nebenbei bemerkt – ohne die 28 Gekündigten. Ihre Verträge enden zum 31. Dezember.

Aufgeben ist aber trotzdem nicht angesagt. Noch in dieser Woche laden sie zu einer Infoveranstaltung ein, um ihren Kollegen ihre Sicht der Dinge zu schildern.

Man darf also gespannt sein, wie es im Spiel um würdige Jobs bei Goodgame weitergeht.


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