Woran erkenne ich versteckte Hinweise im Zeugnis?

Das Arbeitszeugnis bzw. Zeugnis ist für jeden Arbeitnehmer eine wichtige Angelegenheit. Hiermit kann er oder sie nachweisen, welcher Form der Arbeit er in den letzten Jahren nachgegangen ist, wie er bei seinen Arbeitgebern angekommen ist und wie seine Arbeit generell eingeschätzt wurde. Bewirbt sich ein Arbeitnehmer auf eine neue Arbeitsstelle, sind es besonders die Arbeitszeugnisse, die beim Personaler viel Beachtung finden. Sie dienen ihm als externe Einschätzung und helfen dabei, die Bewerbung bestmöglich abzuschätzen und sich ein Bild von der bisherigen Arbeitsweise des Bewerbers zu machen.

Das, was so einfach klingt, birgt jedoch einige Tücken: Da der Arbeitgeber nach dem Deutschen Arbeitsrecht dazu verpflichtet ist, seinem ehemaligen Mitarbeiter ein „wohlwollendes“ Zeugnis auszustellen, klingen beinahe alle Zeugnisse beim ersten Lesen durchaus positiv. Doch hinter der oberflächlich freundlichen Formulierung stecken oft Aussagen, die alles andere als ein gutes Licht auf den Beschriebenen werfen. Das ‚Zeugnis-Deutsch‘ scheint ein geheimer Code zu sein, den nur Personaler verstehen. Nicht alles, was im Arbeitszeugnis freundlich und wohlwollend klingt, ist auch so gemeint. Oft werden eigentlich negative Äußerungen auf eine Weise verklausuliert, dass sie zwar auf den ersten Blick den Angestellten gut dastehen lassen, einem geübten Personaler jedoch eine eigentlich negative Botschaft zu übermitteln fähig sind.

Listen aus dem Internet sind nicht keine sichere Hilfe

Diese versteckten Hinweise in einem Arbeitszeugnis zu finden, ist äußerst schwierig – vor allem, wenn man nicht über ein so geschultes Auge wie das eines Personalers verfügt. Im Internet finden sich jedoch verschiedene Listen der typischen Formulierungen, die die eigentliche Äußerung aus dem Zeugnis nehmen und diese „übersetzen“, um darzulegen, was tatsächlich gesagt ist. Dabei fällt auf: Findet sich in einem Satz nicht mindestens ein Superlativ oder mehr als nur eine positive Formulierungen, kann man in ihm immer auch eine versteckte Kritik hineinlesen. Um diese heimlichen Hinweise zu erkennen, muss sich der Leser vor allem fragen, was in einem Satz nicht gesagt wird bzw. was mit ihm impliziert werden könnte. Dieses Erkennen der unter der Oberfläche zu lesenden Hinweise bedarf einiger Erfahrung, kann aber geübt werden.

Beispiele für Zeugnisdeutsch

Um die Übersetzungs-Praxis (Zeugnisdeutsch – Deutsch) zu veranschaulichen, sollen einige Beispiele folgen. So kann etwa aus dem im Zeugnis formulierten Satz „Arbeitnehmer/in ‚X‘ hat alle ihm/ihr übertragenen Aufgaben ordnungsgemäß erledigt“ nicht nur das eigentlich Gesagte verstanden werden. Gleichzeitig impliziert diese Formulierung, dass der/die Arbeitnehmer/in zwar den Dienst nach Vorschrift machte, jedoch keine oder nur ungenügend Eigeninitiative gezeigt hat. Der Satz „Herr Soundso trug durch seine Geselligkeit zur Verbesserung des Arbeitsklimas bei“ impliziert unauffällig, dass der Betroffene andere von der Arbeit abzulenken verstand oder sogar mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat. Formulierungen wie „Er/sie war stets bestrebt/bemüht“ lassen den Personaler wissen, dass der Arbeitnehmer das Angestrebte nie wirklich erreichen konnte. Tatsächlich positiv jedoch können Sätze wie „Für den weiteren Lebensweg wünschen wir viel Glück und Erfolg. Das Ausscheiden von X nehmen wir mit großem Bedauern zur Kenntnis und hoffen, weiterhin in Kontakt zu bleiben.“ verstanden werden. Sie implizieren, dass der Mitarbeiter nur ungern gehen gelassen wurde.

Um Tücken im Arbeitszeugnis zu erkennen, sollte besonders auch darauf geachtet werden, welche Fähigkeiten positiv hervorgehoben werden, während andere keinerlei Erwähnung finden: Wenn zum Beispiel die Pünktlichkeit oder der Arbeitseifer des Betroffenen erwähnt werden, andere Eigenschaften oder Qualitäten jedoch unerwähnt bleiben, kann dies ebenfalls negativ gewertet werden.

In jedem Fall ist bei einem Arbeitszeugnis auf jede noch so kleine Formulierung zu achten. Der Unterschied, ob ein Arbeitnehmer die Arbeiten „stets zur vollsten Zufriedenheit“, einfach nur „zur vollen Zufriedenheit“ oder „zu unserer Zufriedenheit“ erledigt hat, kann in drei unterschiedliche ‚Noten‘ übersetzt werden. Um sich über die Güte des eigenen Zeugnisses Klarheit zu verschaffen, ist es daher ratsam, jeden Satz einzeln zu analysieren und eventuell professionellen Rat heranzuziehen.

Manchmal wird die Zeugnissprache aus maßlos überschätzt

Allerdings gibt es auch immer wieder Fälle, in denen Arbeitgeber ohne größere Kenntnisse und Erfahrung im Zeugnisse schreiben es echt nett meinen und sich mit einiger Mühe am Computer ein Zeugnis abringen und dann kommt eine totale Katastrophe heraus.

In solchen Fällen reicht manchmal ein Blick auf den Arbeitgeber, der das Zeugnis geschrieben hat. Ist es eine hochprofessionelle Personalabteilung oder ein Handwerksmeister mit 3 Gesellen oder ein Inhabergeführter Mittelständler? Der Blick hilft oft, das Zeugnis richtig einzuordnen.